Der Kampfmodus in einer toxischen Beziehung

Ich gebe meinen narzisstischen Partner nicht auf

Der lange Kampf um Liebe und Akzeptanz

Jeder der einmal unglücklich verliebt war kennt das schmerzhafte Gefühl verschmäht zu werden. Irgendwann verflüchtigt sich die Trauer und man wendet sich wieder dem Alltag zu, schon allein aus dem Grund, weil das Objekt der Begierde längst weitergezogen ist.
Ein Mensch, der sich in einer Missbrauch-Beziehung befindet, erlebt diese Gefühle fast jeden Tag. Der Aggressor bleibt jedoch vor Ort, spiegelt sein Opfer und beendet nur hin und wieder die Beziehung. Oder, er zieht sich kommentarlos zurück. Nach einiger Zeit enspannt sich die Lage und der Aggressor ist wieder bereit, das Opfer gnädig aufzunehmen.
Die Betroffene interprettiert dieses Verhalten als "Er liebt mich ja doch" und bleibt ihm erhalten. Die Schuld für sein perfides Verhalten schiebt der Aggressor dem Opfer zu und verlangt noch mehr Einsatz. Innerlich stimmt das Opfer dem Aggressor zu und macht sich an die Arbeit. Der Kampf um Liebe, Harmonie und Gleichberechtigung beginnt. Es ist auch immer ein Kampf gegen die eigene Einsamkeit.

Ich kämpfe um Liebe

Um eine Beziehung mit einem Narzissten führen zu können, muss die jeweilige Partnerin vieles von Ihrer Persönlichkeit aufgeben. Sie muss sich anpassen, ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen und sehr empatisch sein. Mit diesen Mitteln versucht sie, sich die Liebe des Aggressors zu erhalten. Da der Aggressor jedoch niemals zufrieden sein wird, muss sie immer mehr Arbeit in die Beziehung investieren und unliebsame Kompromisse eingehen.
Die Betroffene geht einen Kompromiss nach dem anderen ein und verbiegt sich. Erfüllt sie brav die teilweise unverschämten Forderungen, und lässt sich beleidigen, wenn sie es nicht tut, wird noch mehr emotionale Gewalt eingesetzt. Nachher muss die Partnerin übermäßig viel Überzeugungsarbeit leisten, um dem Aggressor die einfachsten Regeln des sozialen Umgangs zu erklären. Natürlich erfolglos.

Ist die narzisstische Gewalt nachher erkannt, weil keine noch so gute Erklärung den Weg in das Bewusstsein des Narzissten findet, beginnt die Überlegung, wie die Partnerschaft nun weitergeführt werden soll.

Viele Betroffene haben sich schon vor dieser Erkenntnis gar nichts vom ihrem narzisstischen Partner gefallen lassen, sondern auf ihr Recht auf Anerkennung und Würde gepocht.
Sie haben geschrien, getobt und dem Partner immer wieder ihre Meinung gesagt. Anstatt jetzt wenigstens damit aufzuhören und die eigene Energie immer wieder sinnlos zu verschwenden, fahren sie fort mit ihrem Tun. Später werden sie anmerken, sich in der Beziehung mit dem Narzissten, nichts gefallen haben zu lassen. Sie werden darauf bestehen, sich beständig dagegen aufgelehnt zu haben.
Das ist durchaus stimmig. Und sie lassen sich auch jetzt nicht klein reden und arbeiten im höchsten Maß an ihrer Autonomie. Dem Aggressor bleiben sie jedoch erhalten, gerade, weil sie den Kampf nicht aufgeben. Stattdessen wird gestritten, getobt und es wird sich weiterhin massiv gegen den Aggressor aufgelehnt. 

Der Narzisst freut sich, da er wiederholt etwas bekommt, was ihm seiner Meinung nach zusteht: Aufmerksamkeit und Beachtung. 

Die Betroffene verbringt mitunter Jahre damit, sich nichts vom Aggressor gefallen zu lassen und diesem Ziel ordnet sie alles unter. Sie widmet sich vehement diesem Vorhaben, welches ihr die persönlichen Energien wegsaugt und dem Narzissten Nahrung bringt. Es ist jedoch ein Kampf der nicht ihn verändern wird, sondern sie. Später sagen zu können: "Ich habe mir nie etwas gefallen lassen," ist keine Erfolgsmeldung. Das Gegenteil ist der Fall. 
Die betroffene Frau spielt das Spiel des Narzissten und hat seine Erwartungen mehr als erfüllt. Anstatt sich abzuwenden, weil Ihre Grenzen massiv übertreten werden, lehnt sie sich nur auf und der Narzisst genießt ihren Schmerz. 

Missbrauch macht einsam!

Dieses kranke Beziehungsmuster hat weitreichende Folgen für die Partnerin. Sie ist im Kampfmodus gefangen und konzentriert sich nur noch auf den Aggressor. Damit verliert sie das Feingefühl für sich selbst. Ständig muss sie darauf achten, ihre Grenzen zu verteidigen und ist bald erschöpft und körperlich angeschlagen. Das Vertrauen in die Beziehung geht verloren und wird ersetzt durch eine fremdbestimmte Traurigkeit. Die Partnerschaft ähnelt mehr einem Kriegsschauplatz, als einem Ort der Ruhe und Geborgenheit.
Adrenalinausschüttung und höchste Alarmbereitschaft, rund um die Uhr, machen krank, fahrig und nervös, weil sich alles nur noch um den übergriffigen Partner dreht. Für alles andere fehlt die Energie, die Lust und die Lebensfreude. Individuelles und selbstbestimmtes Denken verliert sich, da die Beziehung nur durch den nicht greifbaren Terror durchsetzt ist. Die Psyche verändert sich. 

Die Betroffene verliert sich in dem ewigen Kampf, der ihre Grenzen schützen soll. Und die eigene Identität geht derweil andere Wege.

Ich kämpfe, weil, Liebe muss verdient werden.

Hat die Erwachsene schon als Kind diese oder ähnliche Erfahrungen gemacht, kann sie perfekt mit dieser Kampftechnik umgehen, ohne dass sich ihr Leben komplett falsch anfühlt. Schließlich hat sich schon in der Kindheit gezeigt, dass sie nicht viel wert sein kann, wenn um Liebe gekämpft werden muss.
Für sie ist ihr Verhalten also ein bekanntes Mittel, um an das scheinbar Gewünschte zu gelangen. Für Liebe muss gekämpft werden. Für Achtung muss gekämpft werden. Für Respekt muss gekämpft werden. Von selbst stellt sich nichts davon ein. Und wenn doch, kann es ja nichts wert sein, da ja nicht dafür gekämpft wurde. Welch ein Dilemma.

Natürlich nimmt das Kind, und später auch die Erwachsene, unterbewusst wahr, dass der andere keine richtige Liebe empfindet, wenn so hart um die eigene Anerkennung gekämpft werden muss, aber was bleibt ist die Hoffnung, und die ist besser als nichts.
Mit ihrem Vorleben ist die Erwachsene also die perfekte Partnerin für den Narzissten. Sie kämpft um Liebe und Anerkennung, während dieser sich gemütlich zurücklehnt und das Spektakel sichtlich genießt.
Als kleines Kind die Eltern zu verlassen, kam nicht in Frage. Jetzt den Partner zu verlassen, löst die gleiche kindliche Verlustangst aus. Der Aggressor kann sich also sicher sein, dass die Partnerin ihm, trotz aller Mühen, erhalten bleibt. Wie paralysiert verharrt die Betroffene in der Beziehung; und auch der Aggressor ändert nichts an der unguten Situation, genausowenig wie die Eltern in Kindheitstagen. Obwohl die Beziehung immer schlechter wird, wird sie weitergeführt. Die Betroffene versucht zwar massiv auf den Aggressor einzuwirken, erreicht jedoch kaum eine Veränderung. Anstatt den Kampf um Liebe und Anerkennung endlich aufzugeben, wird weitergekämpft bis zum bitteren Ende.

Der Aggressor soll sich endlich ändern, damit die Situation für den nun emotional abhängigen Partner (Dich) leichter wird.

Können Narzissten sich denn ändern?

In einer gesunden Beziehungen sollten beide Partner darauf verzichten, den anderen tiefgreifend verändern zu wollen. Scheint eine Beziehung nicht möglich, weil zuviele Gründe dagegen sprechen, steht eine Trennung im Raum, die für beide gut sein kann. Kann der Partner die erwartete Liebe und Anerkennung nicht von selbst geben, ist er als Partner für mich nicht geeignet. Der Kampfmodus würde hier also nicht gebraucht. In einer narzisstisch geprägten Beziehung gibt es dieses Denken nicht.

Doch nicht nur der narzisstische Partner hält an diesem Denken fest, auch die Co-Abhängige ist permanent damit beschäftigt, den Partner in andere Bahnen zu lenken. Damit das Leben mit dem Aggressor erträglich wird, muss dieser sich einfach nur ändern, weil man selbst diesen Schritt nicht gehen kann.

Statt sich also gegenseitig zu akzeptieren und zu gehen, wenn die Beziehung unerträglich wird, geht das übergriffige Denken auf beiden Seiten unverändert weiter. Beide sind in einem unguten Tanz gefangen, der nur selten sofort beendet wird. Sobald ein Ende der Beziehung in Betracht gezogen wird, macht sich zudem der Gedanke breit, der Aggressor könne sich einer anderen Frau zuwenden.
Das Wort Trennung würde in diesem Fall bedeuten, dass es die Partnerin gar nicht kümmern darf, was der übergriffige Partner nach Beendigung der Beziehung so treibt. Aber, genau das Gegenteil ist der Fall, aus scheinbar gerechtfertigten Gründen.
Der Gedanke, die nächste Partnerin würde all das bekommen, was sie sich sehnsüchtig wünscht und ständig eingefordert hat, ist kaum zu ertragen. Wieder und wieder verdreht sie sich, damit diese Vision niemals zur Wirklichkeit wird. Die Betroffene kämpft jetzt gegen eine Frau, die sie noch nicht einmal kennt. Und auch dieser Kampfmodus gewinnt schnell die Oberhand, wenn nicht vernünftige Argumente dagegen gesetzt werden:

Narzissten können nicht ihr Krankheitsbild ändern. Sie können aber sehr wohl ihr Verhalten ändern. Da der Aggressor keine eigene Persönlichkeit besitzt, leiht er sich diese auch jetzt wieder bei seiner neuen Partnerin und er scheint transformiert.

Am Anfang bekommt diese, was sie sich wünscht, aber nur, weil der Aggressor denkt, es seinen auch seine Wünsche. Plötzlich will er ein Kind und heiraten, während die Betroffene sich dies auch immer gewünscht, aber nicht bekommen hat. Nach und nach wird er ihr das Kind entziehen und anmerken, es sei die eigene Schuld der Partnerin. Er fühlt sich durch den Nachwuchs an die Seite gedrängt und löst so dieses Problem.
Es kann auch sein, dass der Aggressor der nächsten Frau einfach nur seinen Machtanspruch demonstrieren will. Gerät er an eine Frau, die keine Kinder möchte, pocht er darauf, dass er welche möchte. Gibt die Frau dann nach, ist er doch der tollste Mann unter der Sonne.

Dieses ganze Spiel hat also gar nichts mehr mit Dir zu tun. Diese Manipulation an Dir selbst, und dein daraus resultierendes verquere Denken, führt nur dazu, dass du immer mehr an Selbstwert verlierst. Zudem machst Dich auch noch erpressbar. Deshalb ist hier Vorsicht geboten. Aus diesem Grund beim Aggressor zu bleiben, macht einfach keinen Sinn. Sein Krankheitsbild ändert sich nicht, auch nicht in der nächsten Beziehung.

Er kann sich nicht verändern, aber Du kannst es. Überlege, ob du weiter für etwas kämpfen willst, was du eigentlich schon längst verdient hast. Ihm bringt dieser Kampf nur Vorteile und du bekommst niemals, was du dir wünschst. Sobald der Aggressor merkt, was Du möchtest, bekommst Du das genaue Gegenteil. Im Kampfmodus gibst du also viel zuviel preis.
Und noch etwas passiert: Die Abhängigkeit nimmt unvorstellbare Ausmaße an. Auch wenn Du diesen Zustand als übergroße Liebe interprettierst und wahrnimmst, entspricht dieses Gefühl vielleicht schon längst nicht mehr der Wahrheit. Im Kampfmodus verstrickt, die Beziehung um jeden Preis halten zu müssen, verabschiedet sich nämlich die eigene Wahrnehmung im Sekundentakt und nur die Angst ist wirklich real. Wenn jedoch nur die nackte Angst regiert, eines Tages ohne diesen Partner leben zu müssen, werden auch tausend Ausreden gefunden werden, um zu bleiben.

Wenn Du ihn liebst, musst Du trotzdem sein Verhalten nicht auf Dauer ertragen. Das ist der Unterschied zwischen Liebe und Abhängigkeit.