Co-Abhängig, aber niemand versteht mich!

Die unverstandene Hilflosigkeit des Opfers

Co-Abhängigkeit ist für viele Betroffene die richtige Beschreibung für Ihre Gemütsverfassung. Andere wiederum lehnen diese Bezeichnung für sich generell ab. Wie es sich auch darstellt, beide finden im Bekannten- und Freundeskreis nicht das nötige Verständnis.
Die Verlustängste des Opfers nehmen zu und lähmen zusätzlich das Denken. Sind sie noch mit dem Aggressor zusammen, nehmen sie ihn deshalb übermässig in Schutz oder verlieren sich in wilden Anschuldigungen. Sich aus dem krankmachenden Zustand zu lösen, gelingt vielfach nicht. Das Opfer fühlt sich krank und ausgehöhlt, die Toleranzgrenze liegt übernatürlich hoch und lässt noch mehr Verletzungen zu, während der Frustlevel bis zum Zerreissen hochgedreht wird. 

Die Partnerin zeigt sich deshalb oft hysterisch und kampfbereit. Da selten etwas von den kranken Vorgängen innerhalb der Beziehung nach draussen dringt, wird der Betroffenen - ihr ansich gesundes Verhalten - falsch ausgelegt. Sie erscheint anderen als Täterin und wird für ihr Auftreten insgeheim abgestraft. Um ihre Haltung tatsächlich richtig zuordnen zu können, wäre sie auf geduldige Zuhörer angewiesen, die ihr Verhalten nicht verurteilen, sondern hinterfragen. 
Andere wiederum erkennen sofort den gewalttätigen Hintergrund und fragen sich unwillkürlich,  warum die Frau noch bei ihrem Partner verbleibt. Mit mir würde er das nicht machen, sind typische Aussagen, die dann vorgebracht werden.

Manchmal geschieht auch das genaue Gegenteil:
Erzählt die Betroffene Episoden aus ihrem Beziehungsleben, werden ihre Ausführungen nicht als Gewalterfahrung eingeordnet. Die Wahrnehmung des Opfers wird lieblos heruntergespielt: "Ach, Du bist zu empfindlich. Beruhige Dich."
In anderen Fällen werden die Ausführungen des Opfers sogar einfach beiseite geschoben. Vielfach hat der destruktive Partner hier schon vorgesorgt und durchblicken lassen, seine Frau sei schwierig und psychisch vollkommen daneben. Leider vermittelt die Betroffene auch genau diesen Eindruck, da sie am Ende ihrer Kraft ist. Da der Aggressor der breiten Öffentlichkeit ein anderes Bild von sich vermittelt, ist die richtige Einschätzung oft schwierig. Die Komplexität und das strategische Vorgehen des Aggressors kann das Opfer nur selten beschreiben und trifft eher auf Abwehr, statt auf Verständnis. 

Co-Anhängigkeit - Die verzerrte Wahrnehmung und die Realität

Ein wirkliches Verstehen der Situation würde voraussetzen, dass sich der Zuhörer in das Opfer hineinversetzt, ohne seine eigene Sicht der Dinge mit einzubeziehen. Zu verstehen, dass der Aggressor gar keinen Grund braucht, um sich schlecht zu benehmen, kommt manchen Zuhören jedoch einfach absurd vor. Die dazu erforderlichen Erklärungen erfordern schon im Vorfeld unglaublich viel Zeit, die sich viele nicht nehmen.
Da selten jemand "versteht", macht sich noch mehr Hoffnungslosigkeit, Angst und Schuld bei den Betroffenen breit. Die betroffene Frau kann nicht mehr erkennen, wie sie sich aus diesem Labyrinth von Schmerz, Wut und Verzweiflung heraustasten soll und gibt sich selbst die Schuld. 

Zuhören und verstehen sind jedoch zwei verschiedene Dinge, die sich hier im Weg stehen. Auch wenn andere den Missbrauch nicht bestätigen, heißt es trotzdem nicht, dass er nicht stattfindet. Wenn das Opfer den Missbrauch wahrnimmt, ist er auch da.

Wenn die Leiden des Opfers, und die Ungerechtigkeit des Partners, von anderen nicht verstanden wird, ist dies zutiefst demütigend. So kommt es, dass sich ungeduldige Zuhörer zutiefst verheerend auf das Opfer auswirken und ihre Meinung besser für sich behalten sollten. Allein schon dieses Nichtverstehen auszuhalten macht traurig und aggressiv. Nach langer Zeit beginnt das Opfer endlich seiner Realität wieder zu vertrauen und wird sofort wieder zurückgeworfen.

Warum braucht das Opfer immer wieder eine Bestätigung?

Natürlich sollte das Opfer keine Bestätigung brauchen. Und doch sucht es verzweifelt danach. Das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung hat sich schon lange verabschiedet und muss nun von anderer Seite aufgebaut werden. Darauf sind die meisten Opfer angewiesen. Ist diese verständnisvolle Hilfe nicht vor Ort, sollte ein Umdenken stattfinden.
Das Opfer sollte verlangen, ernst genommen zu werden und dann an der eigenen Wahrnehmung festhalten. Nur, wer sich zu seiner eigenen Wahrnehmung bekennt und dafür auch einsteht, kann die Realitäten anderer Personen abwehren. Der Missbrauch endet dann hier. Anschließend kann das Erlebte, mit der neuen Wahrnehmung, verarbeitet und schließlich bewältigt werden. Nur, wer sich selbst die eigene Würde zurückgibt, kann Heilung erfahren.

Achte auf Dich, und nicht auf die anderen

Deine Gefühle gehören zu Dir und sind Deine Realität. Fühlst du Dich co-abhängig, dann stehe dazu. Es gibt Schlimmeres. Suche Dir Hilfe. Und bedenke, Du musst anderen gar nichts erklären, wenn sie nicht zuhören wollen. Deine Gefühle sind Deine Wahrnehmung. Sie haben Ihre Richtigkeit, weil niemand anders diese Sicht auf die Dinge haben kann.

Bedenke: Gefühle können nicht falsch sein. Es gibt keine falschen Gefühle. Wie soll das gehen? Du machst sie ja nicht selbst. Dein Körper reagiert und Deine Aufgabe ist es, ihm zuzuhören.

Co-Abhängig, aber niemand versteht mich

Warum bist du dann nicht früher gegangen?

Von nichtwissender Seite ist mir immer wieder vermittelt worden, dass ich mir mein Unglück selbst zuzuschreiben habe. Auch sehr beliebt war die Frage, warum ich alles so lange mitgemacht habe. Ich weiß ehrlich nicht, welche Aussage die Schlimmere ist. Aussagen wie: "Das hätte ich mir an deiner Stelle nicht gefallen lassen" sind dann fast nicht mehr zu toppen und setzen allem die Krone auf. Mehr Überheblichkeit geht gar nicht mehr.

Heute weiss ich natürlich mehr. Ich weiss, dass ich in unguten Situationen erst sehr spät die Initiative ergreife. Ich schreibe mir nicht genug Wert zu. Mit meiner Kraft und Stärke, die an anderer Stelle tadellos funktioniert, hat das NICHTS zu tun. Schütze Dich also vor falschen und unqualifizierten Aussagen, weil sie immer nur bedingt zutreffen.

Du hast dich in Liebe jemanden anvertraut, der dein Vertrauen missbraucht hat. Du konntest nicht gehen, weil seine Praktiken sich zerstörerisch auf Dich ausgewirkt haben und Du Dich selbst zuwenig kennst. Du bist jetzt gegangen und das ist/war das Beste, was Du für Dich tun konntest. Zu einem Zeitpunkt, wo es Dir möglich war.

Wer sich nicht die Zeit nimmt, sich umfassend mit dem Thema "Narzissmus" auseinander zu setzen, zu verstehen vorgibt und dann belehrende Äußerungen von sich gibt, verdient sowieso keine weitere Erklärung von deiner Seite. Andere haben einfach kein Recht, dein Leben und dein Handeln zu beurteilen. Lass sie also reden. Sie kennen deine Beweggründe nicht, die Dich gefangen halten. 

In einer emotional gewalttätigen Beziehung werden dem Opfer die Schwachstellen seiner Persönlichkeit ganz genau vor Auge geführt. Der Blick nach Innen zeigt später sehr genau, wo der destruktive Mensch andocken konnte. Belehrungen sind also überflüssig, wenn man nicht selbst davon betroffen ist.  
Dass so kein liebevoller Partner vorgeht, jedenfalls nicht in diesem zerstörerischem Ausmaß, weiß auch das Opfer. Da jedoch die positiven Anteile seiner Persönlichkeit vorsätzlich weggelassen wurden, führt dieser Missbrauch zu einer Demontage des Selbstbewusstseins. Deshalb fühlt sich das Opfer nach der Trennung so vernichtet und wertlos. Anderen diesen Vorgang verständlich zu machen, ohne dass diese in ähnlichen Situationen gefangen waren oder sind, gelingt einfach nicht.

Professionelle Hilfe zu suchen ist deshalb ein guter Weg, um den Missbrauch endgültig zu beenden und zu verarbeiten. Hilfe, die danach strebt die eigene Wahrnehmung zu stärken und nicht wieder klein redet, ist wichtig. Hilfe, die auch akzeptiert, dass fast kein Opfer bereit ist, dem Missbrauch sofort ein Ende zu machen. 
Viele können die verlangsamte Reaktion des Opfers nämlich nicht nachvollziehen. Selbst betroffene Frauen, die Gleiches erlebt haben, tun sich schwer, das Ausmaß der Zerstörung in Ruhe mit anzusehen und zu warten, bis die Betroffene selbst die Initiative ergreift und von sich aus den Mut zur Veränderung aufbringt.

Das co-abhängige Opfer steht allein?

Ja, das Opfer steht allein. Nicht, weil es allein gelassen wird, sondern weil der Prozess der Gesundung langsam vor sich geht. Trauerarbeit darf erlebt werden, auch wenn es der Umwelt nicht gefällt. Das ehemalige Opfer soll möglichst schnell alles vergeben und vergessen und vor allem Ruhe geben. Genau, wie innerhalb der Beziehung!

Lass Dich nicht drängen und dränge nichts weg. Lass alles zu, was kommt. Die Trauer, die Angst, die Verzweiflung. Die Hoffnung und das Weinen, um die zerschlagenen Hoffnungen.
Verdrängung hat den Missbrauch erst möglich gemacht! Das reale Bild der eigenen Persönlichkeit muss also erst wieder hergestellt werden. Die Lücken, die aufgerissen worden sind, müssen erst geschlossen werden, bevor eine neue Beziehung aufgenommen wird. Alles schnell wegzuschieben, ist nicht von Erfolg gekrönt und kann mehr Probleme verursachen als die Beziehung, die Du gerade hinter Dir gelassen hast.

Es wird wieder einen neuen Anfang geben. Ganz sicher. Aber dieser braucht Zeit. Zuerst mussst Du eine andere große Liebe finden.

Die Liebe zu Dir selbst !